Ich muss gestehen, die Idee klingt doch sehr verlockend. Als langjähriger Atomkraftgegner und Grünstrom Bezieher hab ich sie – ob der Eiligkeit der Petition – auch flink in meinem Freundeskreis beworben:
“Norwegen könnte mit Strom aus Wasserkraft 60 europäische Atomkraftwerke ersetzen. Mehrere Firmen wollen ein erstes Kabel von Norwegen nach Deutschland verlegen, das Projekt NORGER. So könnte sauberer und billiger Strom (1.400 MW) in beide Richtungen fließen: Überschüssige deutsche Windkraft ließe sich in norwegischen Pumpspeicherkraftwerken speichern und bei Bedarf nach Deutschland zurückholen….”
(http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=6770834/1uxeb5l/index.html)
Mein geschätzter Freund Marco aus Potsdam (vermutlich professioneller Skeptiker) hat mich zum Thema kontaktiert und wir sind die Sache dann gemeinsam durchgegangen. Haben dabei erkannt, dass sehr Marketing-lastig argumentiert wird und teilweise – z.B. durch starke Vereinfachung – einen falschen Eindruck erwecken
“Leistung von 60 KKWs”
Diese Aussage geht vermutlich auf einen Beitrag von 3sat zurück. Darin steht aber, dass Norwegen die Leistung als Speicher für den Ausgleich von Stromschwankungen innerhalb kurzer Zeit erbringen kann. Das ist lässt sich aber nicht gleichsetzen mit der kontinuierlichen Leistung eines Kraftwerks. Die “Batterie” muss natürlich gefüllt werden und kann die Leistung auch nur begrenzte Zeit erbringen.
Interessant auch der Kommentar von “Ökostrom für alle!” zum Blogbeitrag “Ålles Øko – Wasserkraft aus Norwegen für Deutschland.”
“Der Bericht des SWR stellt die Situation leider völlig falsch dar. Es gibt in Norwegen nicht genügend Wasser in den Stauseen um wirklich soviel Strom zu produzieren. Zumindest nicht solang es in Norwegen noch Menschen gibt die selber Strom benötigen…”
Kapazität des Kabels 1.400 MW
Natürlich wird von “einem ersten Kabel” gesprochen. Im Zusammenhang geht es das aber etwas unter. Das NorGe Kabel kann im Idealfall die Leistung eines großes Atomkraftwerkes (1.400 MW entspricht der Nettoleistung von ISAR2) transportieren.
Interessant auch der Link zu deinem zweiten Kabel was in Planung ist: NORD.LINK. Das wären dann 2 Kabel a 1.400MW…
Erfahrungen aus NorNed – Gefahr des “Green Washing”
Norned verbindet Norwegen und Holland.
Tagsüber wird norwegischer Strom, primär aus Speicherkraftwerken, die mit Wasserkraft betrieben werden, in die Niederlande übertragen. Nachts wird niederländischer Nachtstrom, primär aus Atomkraftwerken, deren Leistungen sich nur in kleinen Umfang dem nächtlich reduzierten Verbrauch anpassen lässt, benutzt, um im Norwegen künftig noch zu errichtende Pumpspeicherkraftwerke, spezielle Formen von Speicherkraftwerken, zu versorgen.
Das hört sich problematisch an. Abgesehen von der merkwürdigen Verwendung der Zeitformen – “künftig zu errichtende Pumpspeicherkraftwerke” – fällt auf, dass nachts Atomstrom nach Norwegen geliefert wird und dann tagsüber angeblich “grüner Strom aus Wasserkraft” nach Holland geliefert wird:
The Netherlands will import “green” hydropower from Norway during the day when demand is high, and export excess capacity from its thermal power stations during the night when demand is low.
Interessanterweise setzt ABB das “Grün” selbst schon in Anführungszeichen. Das wäre schon dreist, wenn sich Energie so “grün” deklarieren lassen würde.
Wäre eine Deklaration überhaupt möglicht in einem sternenförmigen Netz? Laden dann alle Atomkraftländer Ihre überschüssige Energie in Norwegen ab, welche wir dann als Wasserkraft einkaufen?
Update 06.04.2011: Max (siehe Kommentar) verweist auf eine Unstimmigkeit zwischen beiden Quellen (Wikipedia und NorNed) die mir entgangen waren. Der Wikipedia Artikel bezieht sich auf AKW im Plural (obwohl es genau eines in Holland gibt) während NorNed von Energie aus fossilen Kraftwerken spricht. Allerdings ist unklar, wie NorNed die Quelle der überschüssigen Energie bestimmen will. Die Gefahr eines “Green Washings” besteht vermutlich dennoch.
Die Antwort von Brüderle – Protektionismus?
Was leider bei vielen Diskussionen fehlt, ist die Antwort von Brüderle auf Abgeordnetenwatch. Sie rückt den initialen Beitrag vom SWR etwas gerade, gibt aber auch keine ganz klare Antwort. Es mit der zitierten Verordnung, welche bereits durch die EU-Verordnung für den grenzüberschreitenden Stromhandel 714/2009(PDF) ersetzt wurde, wohl doch eine rechtliche Grundlage zu geben.
Interessant wäre, warum diese nicht ausreicht – was wäre ist die Antwort von NorGe auf Brüderles Reaktion? Ich kann nur vermuten, dass auch nationale Interessen (die EU Verordnung verweist dutzende Male auf nationale Regelungen hin) eine große Rolle spielen, die ggf. zu Protektionismus ausarten können.
Befürchtet wird ja seitens NorGer (wie auch von den Windkraftanlagen Betreibern, siehe SWR Beitrag), dass diese im Zweifel bei akuter Überkapazität von hiesigen Netzbetreibern abgeklemmt werden, weil Atomstrom gerade das Netz verstopft.
Insofern müssen wir genau hinschauen, ob da etwa Protektionismus den Status Quo des bestehenden Energie Oligopols sichern soll.
Fazit
Auch wenn die Petition bereits im Januar gestartet wurde, findet sie durch die aktuellen Ereignisse große Beachtung. Wenn wir obige Punkte berücksichtigen und Marketing von Fakten zu trennen wissen, dürfen wir die Petition sicher unterstützen um eine verstärkte Diskussion über die Energieversorgung in Deutschland und der EU zu bewirken.
Eine erfolgreiche Petition sorgt dafür, dass ein Thema vor dem Bundestag angehört und diskutiert wird. Diese wird vorab auch noch inhaltlich geprüft. Trotzt aller Skepsis spreche ich mich damit dennoch für eine bessere Vernetzung der Stromnetze aus (weil sehr wahrscheinlich effizienter), wenn klar die Herkunft und der Energie berücksichtigt wird.
Zudem spreche ich mich damit gegen Protektionismus für ein bestehendes Oligopol aus. Ein bissel mehr Wettbewerb sorgt sicher auch für innovativere Lösungen in Deutschland.
Vorsicht!
Die Alarmlampen leuchten aber grell bei mir, wenn uns jemand versucht angeblich grünen Strom unterzuschieben. Aus Atomstrom wird kein grüner Strom, nur weil er durch norwegische Seen gewaschen wurde.
Wir sollten diesen Ansatz wohl tatsächlich eher als Energiespeicher, weniger als Energiequelle bezeichnen. Energiespeicher braucht es dringend im weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Eventuell finden wir durch den Wettbewerb noch effizientere Wege, als die Energie zweimal durch die Nordsee in ein norwegisches Pumpspeicherwerk zu transportieren. Damit gehen 2×5% Transportverlust (NorGer Zahlen) und 15-30% im Pumpspeicherwerk (Wirkungsgrad) – also in Summe 25-40% – verloren.
Besser als die Petition wären ein verstärkter Ausbau erneuerbarer Energiearten und die Entwicklung von effizienten – auch dezentralen – Speichermöglichkeiten. Nicht zu vergessen natürlich eine erhöhte Energieeffizienz.
Mein persönliches Fazit:
Habe diesmal wohl zu schnell, zu wenig kritisch die Werbetrommel gerührt. Das hat mich jetzt einiges an Zeit zur Diskussion und Dokumentation gekostet. Aber das war es wohl wert

