Kreative Lösungen für verfahrene Pseudonymdiskussion rund um Google+

Ich weiß nicht, ob “verhärtet” vielleicht eine passendere Bezeichnung wäre: Es geht um die Diskussion, ob Google Pseudonyme in seinem Social Network Dienst Google Plus untersagen und daraufhin auch Profile sperren kann. Mehr dazu u.a. in der Taz und in weiteren Artikeln.

Es gibt gute Argumente auf beiden Seiten (Name vs. Pseudonym) – aber die real existierende Diskussionskultur ist einfach nur traurig. Es geht zu 95% um das Verteidigen einer Meinung, leider zu wenig um die Suche nach neue innovative Ideen und Konzepten. Musste selbst auch in einer Diskussion auf Google+ erleben, wie ich in eine Ecke – “ignorant gegenüber Minderheiten” – gestellt wurde. Ähm ja klar – natürlich von Leuten, die mich überhaupt nicht kennen.

Es gibt zwei aufeinanderprallende Positionen:

  • freie Nutzung von Pseudonymen – oder wie “die ennomane” im Beitrag über “Pseudonymintoleranz” den Karikaturisten Peter Steiner zitiert: “On the Internet, nobody knows you’re a dog“,
  • das offene Auftreten unter dem gängigen, öffentlich bekannten eigenem Namen den z.B. auch die Bank kennen würde. Damit soll u.a. die Chance erhöht werden, dass Mitglieder sich auch über Ihren Alltagsnamen finden.

In dem Artikel soll es um ein Beispiel für einen kreativen Ansatz gehen, wie sich beide Interessen vereinbaren lassen. Gemeinsam mit meinem damaligen IBM Kollegen Cornelius Buchmann habe ich diesen 2009 – vor ziemlich genau 2 Jahren –  konzipiert:

“Setting up relationships in social networks between alias IDs without disclosing personal Identification without consensus.” (via IP.com leider nur verkürzt, bei Interesse suche ich das komplette Dokument heraus)

Kurz zusammengefasst ermöglich es die Idee, sich auch zu finden wenn nur der Alias öffentlich zum Einsatz kommt und die Identität auch erstmal anonym bleiben soll. Dennoch können sich Leute finden, indem auf eine gezielte Suchanfrage nach bestimmten Kriterien ggf. eine direkte Reaktion oder auch weitere Rückfragen durch die gesuchte Person erfolgen können. Die Idee wurde auf IP.com veröffentlich, so dass jeder sie implementieren und auch niemand ein Patent darauf anmelden kann.

Ich habe die Idee u.a. auch Robert Scobble mit der Bitte um einen Kommentar und ggf. Aufnahme in die Diskussion zugespielt. Er führt die Diskussion auf der “anderen Seite des Teiches” recht aktiv. Bislang aber keine Reaktion. Wahrscheinlich zu beschäftigt – oder ich bin deutlich unterhalb seines Radars :P

Wichtig ist mir, dass der scheinbare unlösbare Widerspruch beider Seiten auch kreativ über neue Ideen gelöst werden könnte. In den unendlichen Frontalverteidigungsdiskussionen wird leider sehr viel Energie und Zeit verbraucht, während sich die Positionen nur weiter verhärten. Diese Verschwendung von ansonsten kreativer Energie sollten wir uns meines Erachtens nicht dauerhaft leisten. Lasst uns Probleme zum Anlass nehmen, kreative neue Ideen zu entwickeln! Damit entstehen innovative neue Lösungen.

“Geeks und Nerds”? Kurze Einschätzung zu Google+

Zu Google+ ist schon viel von vielen Menschen gesagt worden. Ich möchte nur noch eine kleine Anekdote hinzufügen. Ich sprach diese Woche mit Anika Geisel über die Erfolgschancen des Dienstes. Sie meinte in etwa:

“Google+ ist perfekt für die Geeks und Nerds, Facebook ist perfekt für die Allgemeinheit.”

Dem würde ich derzeit sogar zustimmen, nur verbirgt sich darin das eigentliche Problem: Es gibt keine exclusiven “Geek und Nerd” bzw. “Allgemeinheit” Freundeskreise. Ok – vielleicht gibts das Zweite, aber jeder Geek oder Nerd kennt auch mindestens noch ein paar normale Leute. Bestimmt auch Thomas, der in meinem Umfeld den radikalsten Schnitt gemacht hat ;)

Update 7.Juli: Nach knapp 120 Stunden hat auch Thomas sein Zelt in Facebook wieder aufgeschlagen. Aus benannten Gründen konnte ich mich z.B. von FB nicht komplett verabschieden.

Wer nicht ganz so radikal entscheiden will, steht vor einem Dilemma: Poste ich parallel? Oder nur in einem? Blöd auch, dass beim parallelen Posten eventuell zwei separate Diskussionsthreads entstehen…

Deswegen steh ich weiterhin zu meinem früheren Beitrag, dass etwas mehr Regulierung der Innovation zuträglich wäre. Wenn Google den Dienst ähnlich geschlossen betreibt wie Facebook, haben kleine innovative neue Ideen auch weiterhin schlechte Karten.

Fazit: Ich sehe Google+ mit einem lachenden und einen weinenden Auge. Ich mag die Google Dienste eigentlich ganz gern. Immerhin funktionierte z.B. das erste mal die Synchronisation mit einem SmartPhone ganz ausgezeichnet… Viel lieber wäre mir aber, wenn Google einen offeneren Ansatz als Facebook wählt. Wir werden sehen, sobald die APIs bekannt sind.

Facebook: Auch schlechte Nachrichten vertragen ein “Like it!” oder “Gefällt mir!” (UPDATE: oder ein “+1″)

Klar – ist schon etwas schwierig und irreführend: Regelmäßig gibt es böse Kommentare, wenn jemand “Like it!” oder “Gefällt mir!” bei einem Facebook Update mit einer inhaltlich schlechten Nachricht geklickt hat.

Facebook: "Gefällt mir!" Button

Facebook: "Gefällt mir!" Button

Aber: der Anklicker ist in 99% der Fälle kein gefühlloser Idiot, der sich über Katastrophen und schlechte Nachrichten freut. Sehr wahrscheinlich bringt er seine Wertschätzung darüber zum Ausdruck, dass die Nachricht geschrieben wurde und er sie als wichtig und lesenswert hält. Er sympathisiert nicht automatisch auch mit dem Inhalt der Botschaft…

Hin und wieder gibt es den Aufruf, endlich mal einen “Dislike!” oder “Gefällt mir nicht!” Button einzuführen. Das würde die Missverständnisse wohl eher noch potenzieren…

Facebook: Forderung nach einem "Dislike!" Button

Facebook: Forderung nach einem "Dislike!" Button

Übrigens: Wenn jemand behauptet, es gäbe jetzt eine Facebook Anwendung, die das unterstützt, darf mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Fake ausgegangen werden

Vermutlich handelt es sich einfach um eine historisch unachtsam ausgewählte Bezeichnung: “Gefällt mir!” oder “Like it!” ist schon wertend und damit potentiell irreführend.

“Respekt!” oder “Danke!” wären vielleicht bessere Bezeichnungen gewesen…

Wenn Euch mal wieder ein empörter Kommentar in einer Facebook Diskussion auffällt – wie gefühllos manch einer sein muss, der “Gefällt mir!” geklickt hat – leitet ihn doch einfach auf diesen Post. Dann diskutieren wir das einfach hier aus ;)

UPDATE 31.03.2011:

Wesentlich eleganter in der Bezeichnung finde ich das “+1″ von Google:

Google +1

The +1 button is shorthand for “this is pretty cool” or “you should check this out.”

Stand heute konnte ich es noch nicht testen. Mal schauen….

Warum dem Internet Regulierung gut tun würde: im positiven Sinne für mehr Innovation und Wettbewerb

Das wichtigste vorweg – es soll in dem Beitrag nicht um Einschränkung der Internets (a la “Kill-Switches” oder Zensur/Censilia)  sondern eher um Öffnung von Internetdiensten gehen, die sich aus eigenen wirtschaftlichen Interessen zu stark abschotten und Monopole bilden.

So zitiert zdnet in einem Artikel Tim Berners-Lee:

Wer seine Daten bei einem Dienst eingebe, habe keine Möglichkeit, sie auch für einen anderen zu verwenden. “Jede Site ist ein Bunker, abgeschottet von den anderen. Ja, die einzelnen Webseiten Ihrer Site sind im Netz, aber Ihre Daten sind es nicht.”

Walled garden (flickr, user: Crystl)

Walled garden (flickr, user: Crystl)

“Walled Gardens” – die ummauerten Gärten – sind mittlerweile wohl vielen ein Begriff:

Es geht dabei um die Einschränkung der Erbringung einer Dienstleistung oder des Zugriffs auf Informationen auf Kunden des eigenen Unternehmens. Am deutlichsten kann das derzeit jeder am Beispiel von Facebook sehen: Vernetzen können sich nur Facebook Kunden untereinander. Die Kunden anderer Sozialer Netze bleiben außen vor.

Zu Beginn zählte in erster Linie die Innovation seitens Facebook um viele interessierte Nutzer zu locken. Zudem war der Markt noch recht jung. Seit Facebook allerdings eine gewisse dominante Größe erreicht hat, zählt die Masse der potentiellen bekannten Kontakte wahrscheinlich als wichtigstes Eintscheidungskriterium eines neuen Nutzers für Facebook. Damit wird die Dominanz eines Players noch weiter verstärkt. Wie bei Quecksilber laufen alle Tropfen früher oder später zusammen.

“Das ist halt so!” höre ich in Diskussionen von Einigen. Aber gut ist das nicht, denn es beschränkt Wettbewerb und Innovation. Diaspora ist ein alternativer Ansatz, des es erlaubt eigene Social Networks aufzusetzen und mit anderen zu vernetzen. (Allerdings wird Diaspora meiner Meinung nach einen schweren Stand haben – so lang Diaspora als alternatives Facebook betrachtet wird und potentiellen Nutzer derzeit kaum Freunde darin finden werden).

Andere Beispiele für “Walled Gardens”:

  • Twitter ist die proprietäre Implementierung eines Microblogging Clients – identi.ca hingegen setzt auf einem freien Software Stack von status.net auf und bietet ein offenes Protokoll.
  • Checkin Dienste (Foursquare, Gowalla, Friendticker, Qype, Yelp) – zerfleischen sich ob Ihrer Isolation voneinander und der eher geringen Nutzerzahl bislang. Dies ist weder im Interesse der Nutzer, noch der Unternehmen die doch idealerweise darin werben sollen. Auch hier wird am Ende ein Player dominieren, im traurigsten Fall vielleicht sogar Facebook oder Google, die den Markt einfach nachträglich aufrollen.
  • Gerade groß im Kommen: Mobile Fotosharing Communities a la instagr.am (dominiert iPhone) oder picplz (dominiert Android). Auch hier steht dann wohl bald ein Showdown bevor, der den Wettbewerb vom Markt fegt.

Ich verwende in Diskussionen gern ein Gleichnis: Ohne die Regulierungsbehörde für Telekommunikation – heute: Bundesnetzagentur – hätten wir in Deutschland wohl weiterhin nur einen einzigen Telekommunikationsanbieter – ohne wirklichen Wettbewerb. Wären (dominierende) Netzbetreiber nicht zum Peering verpflichtet, hätten wir Kunden genau 2 Handlungsalternativen:

  1. Wir sprechen uns mit allen Bekannten und Verwandten ab, alle einen Anbieter zu nutzen. (“Facebook Modell”)
  2. Wir haben mehrere Telefonanschlüsse daheim, was ziemlich dämlich und ineffizient wäre: Als wären wir in verschiedenen Social Networks angemeldet und würden überall unseren Status updaten um alle unsere Freunde zu erreichen.

Warum übertragen wir das erfolgreiche Modell nicht aufs Internet? Neue Anbieter – die später starten – hätten mit innovativen Diensten eine echte Chance Ihren Marktanteil zu erobern und die dominanten Player herauszufordern. Wir Kunden könnten frei entscheiden, welcher Social Network Provider uns als Einstieg ins Netz am Besten gefällt und könnten später auch mal wechseln ohne unser Netzwerk zu verlieren.

Vorgaben sollten sicher nicht von Beginn an greifen wenn es sich um einen neuen Markt handelt, die Geschäftsidee eines Unternehmen sollte dabei erst etwas reifen dürfen (“Welpenschutz”), eh es sich ab einer bestimmten Größe dem Wettbewerb öffnen muss.

Im konkreten Falle der Social Networks sollte Facebook vorgegeben werden, dass eine offene Schnittstelle (z.b. “OpenSocial“) bidirektional bereitgestellt werden muss.

Im Februar/März 2009 habe ich noch den OSLO (Open Sharing of Location Objects) Alliance Ansatz bejubelt: Startups im Bereich mobiler sozialer Netzwerke wollten den Ansatz der “Walled Gardens” von vornherein vermeiden und ihre Netze verbinden – freie Wahl für den Nutzer. Nach einem Jahr war es leider bereits sehr still darum geworden. Technisch machbar ist das allemal, wie open.buddycloud.com beweist.

Darüber könnten dann Statusmeldungen mit Freunden in beliebigen Netzwerken ausgetauscht werden. Jeder könnte sich seinen Social Network Provider anhand der bereitgestellten Features aussuchen. Für die einen wäre es dann Facebook – z.B. weil die jede Menge Spiele bereitstellen. Für andere wäre es ein anderer Provider aus genau diesem Grund. Für andere wäre es vielleicht ein Social Network, welches den Datenschutz in den Vordergrund stellt.

Der Markt reguliert sich im Netz auch nicht von allein – überall gibt es Tendenzen für abgeschottete, kontrollierte Umgebungen. Dabei würde Offenheit für mehr Wettbewerb und Innovation dem Internet sogar gut tun. Der Wettbewerb findet dann über die bessere Lösung statt und weniger über die größte Nutzerbasis.

Genau deswegen müssen wir etwas gegen marktbeherrschende “Walled Gardens” haben. Regulierung könnte helfen, Systeme offener zu gestalten.

UPDATE 10.02.2011: Wie konnte ich es vergessen, derselbe ineffiziente Wettbewerb um das größte Netzwerk findet derzeit auch zwischen XING und LinkedIN statt. Es ist absolut nicht im Interesse der Nutzer:

  • sich bei zwei Diensten anzumelden um mit seinen regionalen und internationalen Kontakten vernetzt zu bleiben,
  • zwei Profile updaten zu müssen,
  • über kurz oder lang doch wieder Kunde eines Monopols zu werden.

Der Wettbewerb wird auf dem Rücken der Kunden ausgetragen. Ich als Kunde wünsche mir: LinkedIN Kontakte in meinem XING Netzwerk zu pflegen (oder umgekehrt). Beide dürfen um meine Gunst buhlen, indem sie Ihren Wettbewerb auf Basis immer besserer Funktionalität führen.

Update 15.02.2011: Einen interessanten Beitrag zur Thematik hat auch Robert Basic in seinem Blog geschrieben.

Update 26.06.2011: Stolpere gerade über die Präsentation von Sebastian Detering, der auch auf die Problematik aufmerksam gemacht hat. Ich meine insbesondere die Seiten 82 ff.