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Beispiele für den Einsatz von QR Codes – wie informiere ich den Nutzer richtig

Anhand von Beispielen lassen sich manche Sachen viel einfacher erklären. Ich schrieb ja vor einer Weile meine Warnung vor den “falschen” QR Tags. Nun bin ich in der aktuellen US Wired über eine Werbeanzeige gestolpert. Kurz und knapp heißt es da: “Scan to learn more!”

Proprietärer QR Code ohne Anleitung

Proprietärer QR Code ohne Anleitung (Ausschnitt aus WIRED)

Problematisch aber, dass es sich um einen proprietären QR Code von Microsoft handelt: den “MS Tag”. Den kann – anders als Standard QR Tags – nur die Microsoft eigene Software verarbeiten. Wieviele Leser werden diese Art des Barcodes direkt erkennen? Auch derjenige der für das Marketing verantwortlich ist, sollte dann nicht auf die Technologie schimpfen, wenn die Konversion niedrig bleibt.

Schade – durch solche Aktionen ist Frust beim interessierten Leser vorprogrammiert. Nicht gerade förderlich für die Akzeptanz einer Technologie, die eventuell kurz vor einer wirklich weit verbreiteten Anwendung steht. Wenn schon auf eine Speziallösung gesetzt wird, sollte der Leser informiert werden, was er zum Einscannen benötigt.

Ein weiteres Beispiel liefert ein derzeitiges Werbeplakat.

Merkwürdige Anleitung im Werbeplakat

“Einfach QR-Code mit dem Smartphone abfotografieren und mit geeigneter Reader-App öffnen.”

Ganz ehrlich – nie im Leben hat derjenige der den Text geschrieben hat, selbst ein Smartphone bzw. selbst einen QR Code gescannt. Versucht das mal im Ernst genauso durchzuführen. Wer an diesem Plakat versucht, erstmals einen QR-Code auszuprobieren, wird wohl entnervt aufgeben.

Abgesehen davon, dass es sowieso cooler wäre, die Fotoapp würde automatisch QR Codes im Bild erkennen. So wie bei Google Goggles, nur eben gleich in der Standard Kamera App. Das wäre intuitiv und jeder Marketier könnte tatsächlich davon sprechen, den QR-Code einfach zu fotografieren.

Marketing – Achtung! Warnung vor den “falschen” QR Codes…

Ein Werbeplakat gab schließlich den Auslöser zu diesem Artikel, nachdem wir auch schon auf Google Plus vor kurzem zum Thema diskutiert haben.

Einer der "falschen" QR TagsEigentlich war ich erfreut, wieder mal einen QR Code (“Quick Response” Barcode, Erläuterung auf qrcode.wilkohartz.de) zu erblicken. QR Codes auf Plakaten sind für mich die einzige Möglichkeit, mir die Inhalte zu “merken”. Ich habe die sonst bis daheim meist wieder vergessen.

Aber irgendwie kam der Code mir doch gleich komisch vor. Lt. Erläuterung benötige ich also eine spezielle App dafür. Der WIMO Code ist proprietär. Die WIMO-App (gibts auch u.a. im iTunes Store – ist da ähnlich schlecht bewertet). Die App brüstet sich in der Beschreibung im Market auch noch damit:

“The WiMO Reader is the only application that can decode WiMO Markers.”

Eine ähnliche Nummer versucht Microsoft ebenfalls mit einem eigenen proprietären Tag. Ich hab dann mal recherchiert und versucht zu verstehen, wie Microsoft den neuen eigenen Standard begründet:

Mein Kommentar zum  Video blieb leider unbeantwortet. Auf Quora wurde eine ähnliche Diskussion zu QR Tag vs. MS Tag geführt (mein Kommentar, Statement des Microsoft Mitarbeiters Nick Martin inkl. Kommentare). Auch die liefert nur ganz schwammige Argumente, die aus meiner Sicht den Einsatz proprietärer Formate nicht rechtfertigen.

Soviel zur Vorgeschichte. Ein paar Argumente warum ist der Einsatz von proprietären QR Codes / Barcodes “falsch” ist:

  • QR Codes (und Alternativen) sind im Einsatz absolut noch keine Selbstverständlichkeit. Noch gibts es das Henne und Ei Problem. Dennoch: langsam verstehen die Nutzer, wofür das Ding gut sein kann – der Durchbruch könnte kurz bevorstehen (siehe auch Artikel von Axel Kopp und von Intelligent Analysieren). Das hat lange genug gedauert – soll jetzt riskiert werden, den Kunden durch unterschiedliche Formate zu verwirren?
  • Welcher Nutzer möchte tatsächlich für jeden unterschiedlichen Barcode eine exclusive unterschiedliche Software einsetzen? Die wenigsten Nutzer im Massenmarkt werden erkennen können, welcher Herkunft ein Tag ist.
  • Sowohl die Algorithmen des Microsoft Tags als auch der Wimo Tags stehen bislang meines Wissens für eigene Entwicklungen nicht frei zur Verfügung. Eine universelle Anwendung die alle Standards unterstützt ist daher derzeit nicht denkbar.
Warum setzen Firmen dennoch proprietäre Formate ein? Ich würde behaupten: weil sie schlecht beraten werden. Weil ihnen über die proprietären Ecosysteme zusätzliche Informationen über die Nutzer bereitgestellt werden, die bei einem klassischen QR Code Scanner schwieriger bereitzustellen sind:
  • Wer hat da gescannt?
  • Wo hat er gescannt?
  • (ich ergänze die Liste gern noch, wenn weitere Argumente geliefert werden)
Aber ganz ehrlich, Lösungen mit QR Codes reichen Euch – liebe Marketingverantwortliche – symbolisch den Finger. Sie sind am weitesten verbreitet – siehe nachfolgende Tabelle. Damit wird erstmals so etwas wie eine objektive Messung möglich, wie viele Leute sich ernsthaft mit dem Inhalt Eurer Marketingbotschaft beschäftigen.

 

Downloadzahlen im Android Markt (Stand 13.08.2011)
Tag Format Standard? Lese App Downloadzahlen
QR Code verschiedene Barcode Scanner u.a. zw. 10 und 50 Millionen
MS Tag proprietär excl. Microsoft Tag zw. 10 und 50 Tausend
WIMO Tag proprietär excl. WiMO Reader zw. 10 und 50 Tausend
(Bei Apple werden im AppStore scheinbar keine Zahlen veröffentlicht.)

 

Mein Appell an die Entscheider:
Bitte greift jetzt nicht gleich nach der ganzen Hand. Natürlich wäre es interessant noch viel mehr über den Nutzer zu erfahren. Zum Beispiel wo er den Barcode gescannt hat, oder wer er wirklich ist usw. Aber lest bitte dazu auch den aktuellen Artikel von Patrick Salyer auf Mashable. Er schreibt zum verantwortungsvollen Umgang mit Nutzerdaten und die notwendige Balance zwischen Informationen die man haben könnte, aber nicht einsetzen sollte.
Zudem wird aus meiner Sicht der Nutzer überfordert. Ihr riskiert beim Einsatz des “falschen” Barcodes, dass der noch recht junge Markt in Sachen Akzeptanz überfordert und abgewürgt wird. Wäre nicht das erste Mal in der Geschichte von Technologie.
Setzt den “richtigen” QR Code bitte noch viel stärker ein als bisher, dann löst sich das auch Henne-Ei Problem von alleine. Macht den zweiten Schritt nicht vor dem ersten…

 

Mein Fazit:
Die alternativen Ansätze von Microsoft und anderen (MS und WiMO sind sicher nur zwei bekannte Beispiele, es gibt sicher auch mehr) kommen zum falschen Zeitpunkt und sind falsch konzipiert (komplett proprietäres Ecosystem). Sollten sie erfolgreich werden, entstehen langfristig große Abhängigkeiten.
Es gibt keinen Grund, intelligente Lösungen rund um einen standardisierten QR Code zu bauen – da stecken durchaus interessante Ideen in den proprietären Lösungen der genannten Unternehmen.
Denkbar wäre vielleicht auch, Codes freizugeben, um auch freie Anwendungen zu entwickeln, die verschiedene Standards unterstützten. Bis dahin würde ich eher die Finger davon lassen.
P.S. Muss ich sicher nicht erwähnen, dass ich an unterschiedlichsten Meinungen und einer Diskussion interessiert bin ;)

 

UPDATE
Noch 2 Ergänzungen:
1.) Nein, ich habe mir die WiMO App nicht heruntergeladen. Ich habe das Format das erste Mal überhaupt in freier Wildbahn gesehen und erwarte ehrlich gesagt auch keine große Verbreitung in Zukunft. Mein Speicherplatz auf meinem Smartphone ist fast komplett belegt – da hat so eine App leider keine Chance.
2.) Warum kommt da Microsoft eigentlich nicht selbst drauf: Der Microsoft Tag Reader unterstützt keine QR Codes. Warum? Selbstüberschätzung in Sachen Erfolg des Microsoft Tags? Es wäre doch ein prima Argument, dass der Reader natürlich Standard QR liest, aber darüber hinaus noch mehr Formate…
Auch wenn ich persönlich dadurch dennoch kein Fan von proprietären Formaten werde.

 

UPDATE2
Ein passendes Comic zum Thema hat Tom Fishburn (Marketoonist) gezeichnet. In seinem Artikel zu QR Codes befindet sich ein schönes kreatives Beispiel für den Einsatz von standardisierten QR Codes im New York Central Park.
QR Code at Billboard