{Dioxineier, Gammelfleisch, … } Skandal – mehr Kontrollen als Lösung? Wir brauchen mehr Transparenz.

Der Artikel der Financial Times Deutschland vor ein paar Tagen – “Verseuchte Eier - Bitte kein Aktionismus im Dioxin-Skandal” – hat mich auf die Palme gebracht. Hab daher neben vielen anderen verärgerten Lesern auch gleich mal kommentiert. Da der Platz da leider etwas eng und die Ausgestaltung in einem Kommentarfeld begrenzt ist, hier nun ein bissel mehr Hintergrund, was möglich ist.

Über Transparenz in der Lieferkette zum Schutz vor Fälschungen hab ich bereits letztes Jahr in meinem IBM Blog geschrieben. Lösungen für industrielle Lieferketten sind natürlich etwas anderen, die zugrunde liegenden Prinzipien allerdings dieselben. Aktuell ist gerade auch die Automobilindustrie dabei, ihre Lieferketten durch mehr Transparenz besser steuern zu können. Ich übertrag es mal auf die Lebensmittelproduktion.

Grundsätzliche Idee ist, in der Herstellung jedes Bestandteil welches verwendet wird, eindeutig zu kennzeichnen. Chargen mit eindeutiger Kennzeichnung fassen mehrere Stück zusammen. Das ist also ggf. kostengünstiger, vergrößert aber im Fall der Fälle die betroffene Menge, die ggf. aus dem Verkehr gezogen werden muss.

Die Kennzeichnung erfolgt nun mit einer Technologie, welche ein automatisches Erfassen ermöglicht – eine AutoID Technologie. Das ist wichtig, weil beim manuellem Erfassen zu viele Fehler auftreten. Immerhin geht es bei der Ermittlung der betroffenen Lebensmittel ganz besonders auch um Schnelligkeit.

Nun müssen entlang der gesamten Produktion an wichtigen Punkten alle Ingredienzien erfasst werden. Mindestens immer dann, wenn aus verschiedenen Bestandteilen ein Neues erzeugt wird…. Im Falle der Futtermittelhersteller in dem Moment, indem das Fett mit weiteren Bestandteilen zusammenkommt. Das dann entstehende Produkt erhält eine neue eindeutige Kennzeichnung (oder führt die Kennzeichnung eines Bestandteils weiter).

Wohin mit den ganzen Daten? Es bringt natürlich nur wenig, wenn diese als Tabellen ausgedruckt oder in einer isolierten Tabellenverwaltung (a.k.a. Excel u.a.) erfasst werden. Immerhin müssen die Daten im Falle eines Rückrufs schnell (“auf Knopfdruck”) ausgewertet werden.

Auch dafür gibt es bereits Lösungen – dafür benötigt es eine “AutoID Middleware”. Diese verwaltet jedes Ereignis: z.B. die Erstellung eines neuen Elements, die Kombination verschiedener zu einem Neuen, das Aufbrechen eines Elements in viele, sowie weitere Informationen über Ort, Zeit und Status. Wenn diese Informationen sicher miteinander vernetzt werden, können dann gezielte Abfragen gestellt werden. Einzelne Elemente können gezielt in ihrer Entstehungsgeschichte nachverfolgt werden. Das würde manuell einiges an Zeit verursachen.

Ein Beispiel: Wenn in einem Nahrungsmittel eine Belastung festgestellt wurde, muss zuerst herausgefunden werden, aus welchen Bestandteilen (inkl. deren Chargen / Kennzeichnungen) es besteht – dabei wird in der Lieferkette “rückwärts” geschaut. Durch Untersuchungen lässt sich die Ursache immer weiter zurückverfolgen, bis der ursprüngliche Verursacher festgestellt wurde. Nun ist es aber wichtig, in der Lieferkette wieder “vorwärts” zu schauen, um zu sehen welche anderen Nahrungsmittel ggf. ebenfalls noch betroffen sein können. Damit kann dann sehr schnell ermittelt werden, welchen Bauern welche Futtermittel geliefert wurden und welche Tiere es gefressen haben…

Mit diesem Konzept lässt sich Transparenz schaffen. Sicher wird es immer wieder schwarze Schafe geben – deswegen benötigt es auch weiter Kontrollen. Allerdings würde es deutlich schwieriger Mittel mit unklarer Herkunft in den Umlauf zu bringen. Ein IT System würde erkennen, wenn ein als industriell gekennzeichnetes Fett in die Nahrungsmittelproduktion eingebracht würde. “Fehler” würden vermieden – wobei oft wohl eher auch systematischer Betrug dahintersteckt. Selbst dieser würde aber einfacher und schneller erkennbar als heute.

Das Wissen, wie so etwas umgesetzt werden kann, wurde in Deutschland bereits mit Hilfe des vom BMBF geförderten Forschungsprojekte “IT Food Trace” gezeigt. Die Ergebnisse wurden vor ca. 2 Jahren auf der CeBIT u.a. von IBM präsentiert (PDF).

In anderen Ländern gibt es schon beachtenswerte Umsetzungen, z.B. bei Matiq in Norwegen (PDF) oder in Malaysia zur sicheren Verfolgung von Halal Lebensmitteln (Studie)… und sicher noch viele mehr (bitte als Kommentar ergänzen).

Also, die Konzepte, das Wissen und die Technologie ist vorhanden. Nun braucht es den Willen. Geld kann ja nicht das Problem sein – wer könnte sich solche Skandale aller halben Jahre sonst leisten?

“Twittern” im Augsburger Stadtrat verboten… Alternative: “Microblogging”?

Ja sorry für den blöden Titel. Aber wirklich wahr!

Jetzt ist also vorerst “twittern” im Augsburger Stadtrat verboten – was ist aber mit SMSen, Bloggen, Email schreiben, Facebooken? Erlaubt oder verboten? Zumindest Twitter per Laptop lesen scheint ja okay zu sein…so die Augsburger Allgemeine zum Thema:

CSU-Stadträtin Claudia Eberle verfolgte in der Sitzung auf dem Laptop die Infos.

Weiter:

Kränzle reagierte wutentbrannt. Es könne nicht angehen, dass solche Behauptungen in den Umlauf kommen.

Interessant – können solche Behauptungen nicht auch nach der Sitzung über andere Kanäle verbreitet werden? Es sieht für mich ein wenig mehr nach Angst vor zuviel Transparenz aus. Ich finde es schon gut zu erfahren, was unsere Politiker so – teils hinter verschlossenen Türen – denken und diskutieren. Insofern müsste es noch viel transparenter zugehen…

Hier die Sicht von Christian Moravcik