Warum dem Internet Regulierung gut tun würde: im positiven Sinne für mehr Innovation und Wettbewerb

Das wichtigste vorweg – es soll in dem Beitrag nicht um Einschränkung der Internets (a la “Kill-Switches” oder Zensur/Censilia)  sondern eher um Öffnung von Internetdiensten gehen, die sich aus eigenen wirtschaftlichen Interessen zu stark abschotten und Monopole bilden.

So zitiert zdnet in einem Artikel Tim Berners-Lee:

Wer seine Daten bei einem Dienst eingebe, habe keine Möglichkeit, sie auch für einen anderen zu verwenden. “Jede Site ist ein Bunker, abgeschottet von den anderen. Ja, die einzelnen Webseiten Ihrer Site sind im Netz, aber Ihre Daten sind es nicht.”

Walled garden (flickr, user: Crystl)

Walled garden (flickr, user: Crystl)

“Walled Gardens” – die ummauerten Gärten – sind mittlerweile wohl vielen ein Begriff:

Es geht dabei um die Einschränkung der Erbringung einer Dienstleistung oder des Zugriffs auf Informationen auf Kunden des eigenen Unternehmens. Am deutlichsten kann das derzeit jeder am Beispiel von Facebook sehen: Vernetzen können sich nur Facebook Kunden untereinander. Die Kunden anderer Sozialer Netze bleiben außen vor.

Zu Beginn zählte in erster Linie die Innovation seitens Facebook um viele interessierte Nutzer zu locken. Zudem war der Markt noch recht jung. Seit Facebook allerdings eine gewisse dominante Größe erreicht hat, zählt die Masse der potentiellen bekannten Kontakte wahrscheinlich als wichtigstes Eintscheidungskriterium eines neuen Nutzers für Facebook. Damit wird die Dominanz eines Players noch weiter verstärkt. Wie bei Quecksilber laufen alle Tropfen früher oder später zusammen.

“Das ist halt so!” höre ich in Diskussionen von Einigen. Aber gut ist das nicht, denn es beschränkt Wettbewerb und Innovation. Diaspora ist ein alternativer Ansatz, des es erlaubt eigene Social Networks aufzusetzen und mit anderen zu vernetzen. (Allerdings wird Diaspora meiner Meinung nach einen schweren Stand haben – so lang Diaspora als alternatives Facebook betrachtet wird und potentiellen Nutzer derzeit kaum Freunde darin finden werden).

Andere Beispiele für “Walled Gardens”:

  • Twitter ist die proprietäre Implementierung eines Microblogging Clients – identi.ca hingegen setzt auf einem freien Software Stack von status.net auf und bietet ein offenes Protokoll.
  • Checkin Dienste (Foursquare, Gowalla, Friendticker, Qype, Yelp) – zerfleischen sich ob Ihrer Isolation voneinander und der eher geringen Nutzerzahl bislang. Dies ist weder im Interesse der Nutzer, noch der Unternehmen die doch idealerweise darin werben sollen. Auch hier wird am Ende ein Player dominieren, im traurigsten Fall vielleicht sogar Facebook oder Google, die den Markt einfach nachträglich aufrollen.
  • Gerade groß im Kommen: Mobile Fotosharing Communities a la instagr.am (dominiert iPhone) oder picplz (dominiert Android). Auch hier steht dann wohl bald ein Showdown bevor, der den Wettbewerb vom Markt fegt.

Ich verwende in Diskussionen gern ein Gleichnis: Ohne die Regulierungsbehörde für Telekommunikation – heute: Bundesnetzagentur – hätten wir in Deutschland wohl weiterhin nur einen einzigen Telekommunikationsanbieter – ohne wirklichen Wettbewerb. Wären (dominierende) Netzbetreiber nicht zum Peering verpflichtet, hätten wir Kunden genau 2 Handlungsalternativen:

  1. Wir sprechen uns mit allen Bekannten und Verwandten ab, alle einen Anbieter zu nutzen. (“Facebook Modell”)
  2. Wir haben mehrere Telefonanschlüsse daheim, was ziemlich dämlich und ineffizient wäre: Als wären wir in verschiedenen Social Networks angemeldet und würden überall unseren Status updaten um alle unsere Freunde zu erreichen.

Warum übertragen wir das erfolgreiche Modell nicht aufs Internet? Neue Anbieter – die später starten – hätten mit innovativen Diensten eine echte Chance Ihren Marktanteil zu erobern und die dominanten Player herauszufordern. Wir Kunden könnten frei entscheiden, welcher Social Network Provider uns als Einstieg ins Netz am Besten gefällt und könnten später auch mal wechseln ohne unser Netzwerk zu verlieren.

Vorgaben sollten sicher nicht von Beginn an greifen wenn es sich um einen neuen Markt handelt, die Geschäftsidee eines Unternehmen sollte dabei erst etwas reifen dürfen (“Welpenschutz”), eh es sich ab einer bestimmten Größe dem Wettbewerb öffnen muss.

Im konkreten Falle der Social Networks sollte Facebook vorgegeben werden, dass eine offene Schnittstelle (z.b. “OpenSocial“) bidirektional bereitgestellt werden muss.

Im Februar/März 2009 habe ich noch den OSLO (Open Sharing of Location Objects) Alliance Ansatz bejubelt: Startups im Bereich mobiler sozialer Netzwerke wollten den Ansatz der “Walled Gardens” von vornherein vermeiden und ihre Netze verbinden – freie Wahl für den Nutzer. Nach einem Jahr war es leider bereits sehr still darum geworden. Technisch machbar ist das allemal, wie open.buddycloud.com beweist.

Darüber könnten dann Statusmeldungen mit Freunden in beliebigen Netzwerken ausgetauscht werden. Jeder könnte sich seinen Social Network Provider anhand der bereitgestellten Features aussuchen. Für die einen wäre es dann Facebook – z.B. weil die jede Menge Spiele bereitstellen. Für andere wäre es ein anderer Provider aus genau diesem Grund. Für andere wäre es vielleicht ein Social Network, welches den Datenschutz in den Vordergrund stellt.

Der Markt reguliert sich im Netz auch nicht von allein – überall gibt es Tendenzen für abgeschottete, kontrollierte Umgebungen. Dabei würde Offenheit für mehr Wettbewerb und Innovation dem Internet sogar gut tun. Der Wettbewerb findet dann über die bessere Lösung statt und weniger über die größte Nutzerbasis.

Genau deswegen müssen wir etwas gegen marktbeherrschende “Walled Gardens” haben. Regulierung könnte helfen, Systeme offener zu gestalten.

UPDATE 10.02.2011: Wie konnte ich es vergessen, derselbe ineffiziente Wettbewerb um das größte Netzwerk findet derzeit auch zwischen XING und LinkedIN statt. Es ist absolut nicht im Interesse der Nutzer:

  • sich bei zwei Diensten anzumelden um mit seinen regionalen und internationalen Kontakten vernetzt zu bleiben,
  • zwei Profile updaten zu müssen,
  • über kurz oder lang doch wieder Kunde eines Monopols zu werden.

Der Wettbewerb wird auf dem Rücken der Kunden ausgetragen. Ich als Kunde wünsche mir: LinkedIN Kontakte in meinem XING Netzwerk zu pflegen (oder umgekehrt). Beide dürfen um meine Gunst buhlen, indem sie Ihren Wettbewerb auf Basis immer besserer Funktionalität führen.

Update 15.02.2011: Einen interessanten Beitrag zur Thematik hat auch Robert Basic in seinem Blog geschrieben.

Update 26.06.2011: Stolpere gerade über die Präsentation von Sebastian Detering, der auch auf die Problematik aufmerksam gemacht hat. Ich meine insbesondere die Seiten 82 ff.